Wie die USA im Irak und durch das Wunschdenken ihrer Think Tanks mit ihren eigenen Waffen geschlagen wurden

Von Elijah J. Magnier: @ejmalrai

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in die Falle ihrer eigenen Desinformationspolitik geraten, wie die Arbeit eines ihrer führenden strategischen Studienzentren, eines neokonservativen Think Tanks, der den Krieg gegen den Iran fördert, zeigt. 

In den ersten Wochen der Proteste im Irak brannte ein Dutzend Iraker die iranischen Konsulate in Najaf, Karbala und Bagdad nieder. Westliche Analysten stützten sich bei ihrer Analyse auf Bilder aus den sozialen Medien und YouTube-Videos, insbesondere auf jene Clips, die Protestierende zeigten, die “Iran Barra… Barra, Bagdad Tibqa Hurrah” (Iran raus, Bagdad bleibt frei) riefen. Analysten und Mainstream-Medien – in erster Linie Menschen, die Tausende von Kilometern vom Irak entfernt sitzen, die das Land nie besucht haben und sich nie lange genug mit der Bevölkerung eingelebt haben, um die Dynamik des Landes und das tatsächliche Denken der Iraker zu verstehen – reflektierten und verstärkten die Meinung, dass der Irak dem Iran gegenüber feindselig geworden ist.

Doch obwohl jeder Wunsch in Erfüllung gehen kann, können die noch vorherrschenden Winde unsere Hoffnungen und Erwartungen enttäuschen. Das Wunschdenken der Analysten überwältigte ihren Sinn für die Realität, insbesondere die Möglichkeit von für sie unsichtbaren Realitäten. Sie sind in die gleiche Falle von Fehlinformation und Ignoranz geraten, die die westliche Meinung seit der Besetzung des Irak im Jahr 2003 geprägt hat. Der Einmarsch in den Irak wurde durch die Präsenz von “Massenvernichtungswaffen” gerechtfertigt, die es nie gegeben hat. Gegen Syrien wurde ein Informationskrieg mit dem Ziel geführt, Präsident Bashar al-Assad zu stürzen. Die USA unterstützten zu diesem Zweck terroristische Gruppen wie ISIS und al-Qaida. Die Mainstream-Medienberichterstattung über den Krieg in Syrien – die hauptsächlich über WhatsApp, Social Media, Skype, Aktivisten und Dschihadisten lief – ging auf Kosten der eigenen Glaubwürdigkeit und der des westlichen Journalismus im Allgemeinen.

Die beschämende Verantwortungslosigkeit dieser Reporter und Analysten wurde im Verlauf der Ereignisse für einen großen Teil der Öffentlichkeit offensichtlich. Es gab keine Verantwortlichkeit für die Täuschung der Massenmedien: Praktisch alle westlichen Medien saßen im selben Boot, es fehlte ihnen völlig an der nötigen Professionalität. Die westlichen Medien wurden zu einer Verhöhnung des edlen und anspruchsvollen Berufs des Journalismus und seines Auftrags, ohne Manipulation zu berichten und Informationen zu teilen. Die Journalisten waren gezwungen, der redaktionellen Politik der Zeitungen und den politischen Ansichten ihres Besitzers zu folgen – wes Brot ich ess, des Lied ich sing!

Glücklicherweise hat das Internet es den Menschen ermöglicht, nach alternativen Quellen und Analysen zu suchen. Zum Beispiel wurden in Israel, dem einzigen Ort im Nahen Osten, wo Analysten und Reporter die Freiheit haben, die Wahrheit über ihre Feinde (ungeachtet der militärischen Zensur) und über die Beschränkungen der israelischen Macht zu sagen, journalistische Standards in hohem Maße aufrechterhalten. Die israelischen Medien berichteten über die Schwäche der inneren Front im Falle eines Krieges und über den enormen Schaden, den ihre Feinde dem Land durch die Abschreckungspolitik, die Israel in diesem Jahrhundert betrieben hat, zufügen könnten.

Die israelische Regierung hat einen “Rat für Risikobewertung”, der die Reaktion des Feindes im Falle einer “Schlacht zwischen den Kriegen” vorhersagt und die Ergebnisse des israelischen Treffers auf ein Ziel oder sogar auf Hunderte von Zielen in Gaza, Syrien, Libanon, Iran, Jemen und Irak einschätzt. Diese Einschätzung ist immer sehr realitätsnah, im Gegensatz zu der der USA.

Renommierte westliche Think-Tanks wie Brookings, Carnegie, Hudson, das Washingtoner Institut, das “Middle East Institute” und andere förderten den Glauben an die anti-iranischen Ziele der Demonstranten im Irak und Libanon. Sie haben für eine “Schwäche des Irans im Irak” plädiert, ein Phänomen, das auf ein paar Straßenkommentaren und ein paar von Brandstiftung inspirierten Bränden beruht. Höchstwahrscheinlich wollten diese Institutionen die Realität nicht verzerren aber offenbarten ihr begrenztes Verständnis des Nahen Ostens. Sogar nach dem US-Bombenangriff auf die irakischen Sicherheitskräfte an der irakisch-syrischen Grenze deuteten einige dieser Analysten an, dass sich der Iran nicht erholen würde und nicht in der Lage wäre, zu reagieren, und dass die “Kata’ib Hisbollah” schwächer denn je sei. Doch am folgenden Tag brachen ihre Sympathisanten in die US-Botschaft in Bagdad ein und mobilisierten Tausende von Menschen, was nicht nur in der Botschaft, sondern auch im Pentagon und im Weißen Haus Panik und Angst auslöste.

Es besteht kein Zweifel, dass Präsident Donald Trump über wenig außenpolitisches Wissen und Erfahrung verfügt. Er hat nie das Gegenteil behauptet. Aber seine Außen- und Verteidigungsministerien scheinen kaum aufgeklärter zu sein.

Was ist letzte Woche im Irak passiert?

Am 27. Dezember 2019 wurden mehrere Raketen von nicht identifizierten Angreifern gegen den irakischen Militärstützpunkt K1 in Kirkuk im Norden des Irak abgefeuert. Auf diesem Stützpunkt, wie auch auf vielen anderen, sind irakisches und US-Militär auf dem gleichen Boden und innerhalb der gleichen Mauern präsent, auch wenn sie unterschiedliche Kommando- und Kontrollzentralen haben. Zwei irakische Polizisten und ein amerikanischer Auftragnehmer wurden getötet und zwei irakische Armeeoffiziere und vier US-Auftragnehmer wurden verwundet.

Am folgenden Tag rief Verteidigungsminister Mark Esper den irakischen Interims-Premierminister an, um ihn über “seine Entscheidung, die Kata’ib-Hisbollah-Basen im Irak zu bombardieren”, zu informieren. Abd al-Mahdi bat Esper um ein persönliches Treffen und sagte seinem Gesprächspartner, dass dies für den Irak gefährlich sei: Er lehnte die Entscheidung der USA ab. Esper antwortete, er rufe “nicht zu Verhandlungen auf, sondern um über eine bereits getroffene Entscheidung zu informieren”. Abdel Mahdi fragte Esper, ob die USA “Beweise gegen die Kata’ib Hisbollah zu teilen haben, damit der Irak die Verantwortlichen für den Angriff auf K1 verhaften kann”. Keine Antwort: Esper sagte Abd al-Mahdi, dass die USA “gut informiert” seien und dass der Angriff “in wenigen Stunden” stattfinden werde.

In unter einer halben Stunde bombardierten US-Jets fünf Stellungen der irakischen Sicherheitskräfte, die entlang der irakisch-syrischen Grenze in der Zone von Akaschat, 538 Kilometer vom Militärstützpunkt K1 (der von noch unbekannten Tätern angegriffen worden war!) entfernt, stationiert waren.  Die USA kündigten den Angriff an, versäumten es aber, die Tatsache zu erwähnen, dass sich auf diesen Stellungen nicht nur die Kata’ib Hisbollah, sondern auch irakische Armee- und Bundespolizeioffiziere befanden. Die meisten Opfer des US-Angriffs waren irakische Armee- und Polizeibeamte. Nur 9 Offiziere der Kata’ib Hisbollah – die 2017 zu den irakischen Sicherheitskräften stießen – wurden getötet. Diese fünf Stellungen hatten die Aufgabe, ISIS abzufangen und zu jagen und die Kämpfer der Gruppe daran zu hindern, die Grenzen aus der Wüste Anbar zu überschreiten. Die nächstgelegene Stadt zu diesen bombardierten Stellungen ist al-Qa’im, in 150 km Entfernung.

Was ist das Ergebnis der Bombardierung der irakischen Sicherheitskräfte durch die USA?

Der Iran hatte um einen Konsens zwischen verschiedenen irakischen politischen Parteien gekämpft. In Bagdad war es nach dem Rücktritt von Adil Abd al-Mahdi nicht möglich gewesen, sie bei der Wahl eines neuen Premierministers zu vereinen. Politische Parteien, vor allem Gruppen, die die schiitische Mehrheit repräsentierten, waren untereinander gespalten und nicht in der Lage, einen geeigneten Kandidaten auszuwählen. Protestierende besetzten die Straßen, und die al-Haschd asch-Schaʿbī-Fahne wurde auf dem Platz von Bagdad nicht geduldet.

Die US-Bombardierung der Stellungen der irakischen Sicherheitskräfte fiel als Manna an den Iran. Die Aktionen der Sekretäre Pompeo und Esper standen in perfektem Einklang mit den Zielen des Brigadekommandanten des IRGC-Quds, Qassem Soleimani. Die beiden US-Beamten brachen die politische Pattsituation im Irak und lenkten die Aufmerksamkeit des Landes auf die US-Botschaft und das Einbrechen von Demonstranten, um die US-Bombardierung der irakischen Sicherheitskräfte zu verhindern.

Mitglieder von al-Haschd asch-Schaʿbī und anderen Einheiten der irakischen Streitkräfte, zusammen mit Familien und Freunden der 79 (getöteten und verwundeten) Opfer demonstrierten vor der US-Botschaft in der Grünen Zone in Bagdad. Flaggen von al-Haschd asch-Schaʿbī wehten über dem Eingang der US-Botschaft. Der Abzug der US-Truppen aus dem Irak wurde zur Priorität des irakischen Parlaments und sogar von Moqtada al-Sadr.

Die USA zahlten den Preis von Tausenden von Toten und Verwundeten und Billionen von Dollar, um eine Einflusszone, Militärbasen und eine befreundete Regierung im Irak aufrechtzuerhalten, aber sie haben diese Ziele nicht erreicht. Die unverantwortliche und fehlerhafte Analyse der Situation im Irak und ihrer Dynamik hat bewiesen, dass ihre Autoren von dieser Realität losgelöst und isoliert sind.

Die USA könnten am Ende aus dem Irak und aus Syrien verdrängt werden. Sie könnten nach Kurdistan ziehen. Aber wenn das Parlament keine Einigung über seine Präsenz im Irak erzielt, werden sich die US-Truppen nicht mehr in einem freundlichen Umfeld befinden und könnten von verschiedenen irakischen Gruppen ins Visier genommen werden, was Erinnerungen an 2005 weckt.

Eine einzige überstürzte Entscheidung, die von unerfahrenen US-Politikern ausgeht und offensichtlich dem Rat von Think Tanks folgt, hat den USA einen Rückschlag in der Region beschert. Wurden die Ratschläge der neokonservativen Think-Tank-Analysten durch Inkompetenz oder einfach durch ihre Agenda geprägt? Sie sind in der Tat durch eine große Distanz zu den Realitäten vor Ort im Irak und im übrigen Nahen Osten getrennt, und die US-Politiker erhalten eindeutig keine fundierten Ratschläge zu der Region.

All dies spielt Brigadegeneral Qassem Soleimani in die Hände, dessen einziges Verlangen es ist, aus den amerikanischen Fehlern im Nahen Osten Kapital zu schlagen. Die USA machen den Iran stärker und demonstrieren damit die Wahrheit von Sayyed Ali Khameneis Kommentar: “Gott sei Dank sind unsere Feinde Schwachköpfe“.

Korrekturgelesen von:   Maurice Brasher und C.G.B.

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