
Von Elijah J. Magnier
Die erste Frage unmittelbar nach dem Attentat lautete: Wer hat das Sagen, und funktioniert der Iran unter Beschuss noch als Staat? In der iranischen Verfassungsstruktur wird der Oberste Führer Sayyed Ali Khamenei vorübergehend durch einen Interimsführungsmechanismus ersetzt, während die Expertenversammlung einen Nachfolger auswählt. In der aktuellen Krise deuten Berichte darauf hin, dass ein dreiköpfiger Interimsrat die Aufgaben des Obersten Führers übernimmt, während der Nachfolgeprozess beginnt.
Die grundlegendere Antwort lautet jedoch, dass der Iran nicht von einem einzigen Mann regiert wird, wie Außenstehende manchmal glauben. Sayyed Khamenei war zwar das Zentrum der Macht, aber die Macht ist auf Institutionen, Sicherheitsnetzwerke und die Autorität der Geistlichen verteilt. Genau diese Verteilung ist der Grund, warum der Staat auch nach einem katastrophalen Schlag gegen seine höchste Persönlichkeit weiter funktionieren kann. Die Übergangsregelung mag die formale Rolle übernehmen, aber die eigentliche Kontinuität kommt vom nationalen Sicherheitsapparat, der IRGC und der Armee sowie der Bürokratie, die über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde, um Druck, Sanktionen, verdeckte Kriege und nun auch offene Kriege zu überstehen.
Sayyed Khameneis Weigerung, sein Haus zu verlassen, das auch als sein Büro diente, ist zu einem der prägenden Bilder dieses Moments geworden. Er war sich des möglichen Krieges zwischen Israel und den USA bewusst und hat sich und seine Familienmitglieder dennoch nicht in Sicherheit gebracht. Für seine Millionen Anhänger wird diese Entscheidung als Standhaftigkeit interpretiert: Ein Führer, der dort bleibt, wo Führung stattfinden soll, und sich weigert, als flüchtig zu gelten. Für seine Feinde war es eine Gelegenheit: ein vorhersehbarer Aufenthaltsort, eine bekannte Routine und die Chance, die Ermordung zu einer Strategie zu machen. Aber auch hier ist der entscheidende Punkt nicht die Symbolik. Es geht darum, dass die iranische Führung die Möglichkeit einer Ermordung erkannte und die Sicherheitsbehörden entsprechend handelten. Sayyed Khamenei war nicht nur ein Staatsoberhaupt. Er war ein Vorbild, ein Marja’ al-Taklid. Diese religiöse und symbolische Stellung verändert die Wahrnehmung seiner Ermordung.
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