Explosion in Beirut: Wer ist verantwortlich?

A drone picture shows the scene of an explosion that hit the seaport of Beirut, Lebanon, Wednesday, Aug. 5, 2020. A massive explosion rocked Beirut on Tuesday, flattening much of the city’s port, damaging buildings across the capital and sending a giant mushroom cloud into the sky. (AP Photo/Hussein Malla)

Von Elijah J. Magnier: @ejmalrai

Übersetzt von: CHH

Am Dienstag, den 4. August, verursachte eine Explosion im libanesischen Hafen im Herzen der Hauptstadt Beirut verheerende menschliche Opfer und materielle Zerstörung. Über 140 Menschen starben auf der Stelle, 80 werden noch immer unter den Trümmern vermisst, und über 5000 wurden verwundet. Mehr als 300.000 Häuser wurden zerstört und viele weitere beschädigt. 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat (AN) (ein Äquivalent von 1.000 Tonnen TNT) entzündeten sich irgendwie und verursachten die größte Explosion seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele Theorien, die Israel oder die Hisbollah oder den CIA beschuldigen, kursieren in der libanesischen Hauptstadt wie Feuer auf Holz. Was ist die Wahrheit? Cui bono?

Die Rhosus, ein Schiff unter moldawischer Flagge, fuhr von Georgien nach Mosambik und transportierte unter anderem 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat für die Fabrica de Explosives, eine von der Banco Internacional De Mozambique bezahlte Lieferung. Sie machte am 20.11.2013 in Beirut Halt, um landwirtschaftliche Maschinen abzuladen, und sollte auf dem Rückweg nach Mosambik Waren aus dem Libanon für Jordanien hochladen. Eine Inspektion ergab, dass das Schiff nicht fahrtüchtig war, und die lokalen libanesischen Behörden hinderten die Rhosus am Auslaufen. Die libanesischen Hafenbehörden löschten die Ladung im Hafenlager Nr. 12 und beschlagnahmten diese später aufgrund von Rechnungen, die der Schiffseigner nicht bezahlt hatte.

AN hat viele Eigenschaften, insbesondere als Bestandteil eines explosiven Gemisches (Mellor, 1922; Elvers 1989, Suslick 1992). Reines AM ist sehr stabil und sollte bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllen, die bei der Herstellung von Industriesprengstoffen verwendet werden. Nach Angaben der European Fertilizer Manufacturers Association ist AN besonders schwer zur Detonation zu bringen. AN benötigt einen erheblichen Anreiz zur Detonation. Es muss in einem trockenen, gut belüfteten und abgedichteten Lagerraum gelagert werden. Außerdem muss jede elektrische Installation im Lagerbereich gegen Ammoniakdämpfe beständig sein.

Mehr als sechs Jahre lang verblieben die 2.750 Tonnen AN im libanesischen Lagerhaus, ohne dass eine Verlagerung oder ein Weiterverkauf geplant war. Darüber hinaus ist das Lager den wechselnden klimatischen Bedingungen des Libanon ausgesetzt, einschließlich der erdrückenden Hitze im Sommer. Der Lagerbereich war aus Metall und ohne angemessene Belüftung.

Letztes Jahr rief Kapitän Naddaf, der im Hafen beim Nationalen Sicherheitsdienst arbeitet, seinen Vorgesetzten an, um ihn über das Vorhandensein einer “gefährlichen Ladung im Lagerhaus Nr. 12” zu informieren. Sein Vorgesetzter, General A., wies den jungen Offizier an, einen schriftlichen Bericht vorzulegen und Fotos vom Lager und dessen Inhalt zu machen. Im Lager gab es einen Durchbruch, der groß genug für den Durchgang eines Mannes war und den Zutritt oder Diebstahl erleichterte. 

Der libanesische Hafen wird von einer Art lokaler Mafia kontrolliert, die sich aus hochrangigen Offizieren, Zolldirektoren, Verwaltungsbeamten und Sicherheitsbeamten zusammensetzt. Jeder Verantwortliche ist von einem politischen Leiter ernannt worden, der seinen Männern Immunität und Schutz bietet. Der Hafen hat immense Mengen an Geldern produziert, und Bestechungsgelder sind das tägliche Brot aller Verantwortlichen. Angesichts solcher Korruption zählt wissenschaftliches Fachwissen darüber, was mit gelagertem AN geschieht, und unter welchen Bedingungen die 2.750 Tonnen gelagert werden, wenig. Tatsächlich haben viele Offiziere keine Kompetenz für ihre Aufgaben und werden durch Günstlingswirtschaft und politische Verbindungen ernannt. Dies gilt auch für den Direktor des Zolls und des Nachrichtendienstes der Armee, General S., der für die Hafenbewegungen und -inhalte verantwortlich ist, ebenso wie für viele andere Personen. Aber wenn ein Problem oder eine Katastrophe eintritt, wie am Dienstag, wird es sehr schwierig sein, die wirklich Verantwortlichen zu finden. Wie sind die Bedingungen für die Explosion der AN entstanden?

Um 15:00 Uhr Ortszeit wurde ein Schmied gebeten, die Löcher im Lagerhaus zu schließen, um einen möglichen Schmuggel des Inhalts zu verhindern. Der Schmied wurde weder über den gefährlichen Inhalt des Lagers informiert, noch wurde ihm gesagt, er solle die notwendigen Vorkehrungen treffen, um die Ausbreitung von Metallpartikeln zu verhindern, die Bruchstücke erzeugen und Feuer auslösen können. Er arbeitete nicht weiter als ein paar Zentimeter von den AN-Säcken entfernt, die auf dem Boden lagen und aus denen eine klare Substanz austrat. Nachdem die Arbeit erledigt war, wurde zwischen 16:30 und 17:00 Uhr Rauch aus dem Lagerhaus gesehen. 

Feuerwehrleute wurden gerufen, um sich um das drohende Feuer zu kümmern. Um 18:08 Uhr war die erste Explosion zu hören, gefolgt von der zweiten Explosion eine Minute später. Nach der ersten Explosion entzündete sich im Lagerhaus ein Feuer. Das Feuer erzeugte mehr Hitze, so dass der gesamte Lagerbestand von AN auflähte und ein Vakuum (Unterdruck) entstand. Der Druck der Explosion verursachte die vielen Todesopfer und die verheerende Zerstörung in der Stadt.

Wer hat den Schmied angerufen und das Budget dafür bereitgestellt? Wurde er über die Gefahr des Schweißens in der Nähe der AN informiert? Warum wurden die 2.750 Tonnen AN ohne triftigen Grund mehr als sechs Jahre lang in unsachgemäßer Lagerung belassen? 

Wer profitierte von der Explosion? Das betroffene Gebiet gehört hauptsächlich Menschen, die der Hisbollah im Allgemeinen nicht freundlich gesinnt sind. Daher wäre es weder im Interesse Israels noch im Interesse der USA gewesen, Eigentum und Geschäfte befreundeter Parteien zu bombardieren und so viel Schaden anzurichten. Diesen Teil Beiruts zu zerstören, um einen “neuen Nahen Osten” oder einen “neuen Libanon” durchzusetzen, macht keinen Sinn, denn die Anti-Hizbollah-Bevölkerung ist schwächer denn je und nicht in der Lage, der Hisbollah entgegenzutreten. Frankreich und die USA sind nicht besser imstande, die Bevölkerung so zu beeinflussen, wie sie es gerne hätten.

Die Hisbollah wartet derzeit darauf, dass das Sondertribunal für die Ermordung des Ex-Premierministers Rafic Hariri sein Urteil verkündet. Auf diese Weise versuchen die USA, Israel zu gefallen, den Einfluss der Hisbollah im Libanon einzudämmen – vergeblich. In der Tat haben die USA und Israel in Syrien, im Irak und im Libanon alles in ihrer Macht Stehende versucht, sind aber bei ihrem Versuch gescheitert. Die USA verhängen harte Sanktionen gegen Syrien und den Libanon (um die Länder der Golfregion und Europas daran zu hindern, der schweren libanesischen Finanzkrise zu helfen), aber das Ergebnis ist immer noch dasselbe: Die Hisbollah will sich nicht unterwerfen.

Spekulationen über das Waffenlager der Hisbollah in Lagerhaus 12 sind lächerlich, weil der Ort von Kameras überwacht wurde, die von den Sicherheitskräften kontrolliert wurden. Die Hisbollah würde keine Waffen in einem feindseligen Gebiet lagern, das nicht unter ihrer eigenen Kontrolle steht.

Die vielen Verschwörungstheorien stimmen nicht mit den Fakten dieses Unfalls überein. Ignoranz, Inkompetenz, Günstlingswirtschaft und Bürokratie sind die Gründe für den Verlust so vieler Menschenleben und die Zerstörung einer Hauptstadt, in der die Menschen nicht gelernt haben, zusammenzuhalten. Es ist eine nationale Tragödie. Libanesen haben ihr Vermögen im Ausland, im Westen wie im Osten. Sie haben kein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Land, in dem gewählte Politiker den gesamten Reichtum des Landes an sich gerissen haben, die Macht gehortet und an ihre Söhne weitergegeben haben.

Copyright © https://ejmagnier.com 2020 

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